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Lisa und der Wunsch nach Worten

Ein Blick in den Spiegel zeigt ihr:

Lisa ist Laila!

Gestern vor dem Schlafengehen hat Lisa in einem Feed auf Instagram über eine mutige Frau im Iran gelesen, die wie viele andere für ihre Rechte kämpfte. Sie war jung, voller Ideen, Kreativität und Lebenswillen. Doch sie wurde in einem Land geboren, wo Frauen nicht dieselben Rechte haben wie Männer. Sie gehen dafür auf die Straße und riskieren ihr Leben. Die Geschichte von Laila berührte Lisa sehr. Sie träumte nachts von ihr und war auf einmal mit ihr auf der Straße. Sie fühlte die Wut und die Kraft, die die Menschen auf die Straße trieb und gleichzeitig die Angst vor der Brutalität der Polizei. Auf einmal tauchten Polizisten vor den Demonstrierenden auf. Die Menschen liefen panisch auseinander – auch Lisa rannte um ihr Leben, aber sie kam nicht vom Fleck. Sie schrie – und wachte schweißgebadet auf. Es war nur ein Traum! Für sie.

Tagsüber will der Traum nicht von ihr weichen. Er liegt wie ein Schatten über ihr, sie kann ihn nicht abstreifen. Während sie ihren Kaffee schwarz und ungesüßt trinkt, sucht sie auf ihrem Handy aktuelle Informationen zu den Protesten im Iran. Die Grausamkeit lässt sie erschaudern. 10.000 Menschen wurden verhaftet, Menschen gefoltert und hingerichtet, ein junges Paar zur Gefängnisstrafe verurteilt, weil es zusammen in der Öffentlichkeit getanzt hat – ohne Kopftuch.

Lisa versucht die Traurigkeit über diese Ungerechtigkeit mit dem letzten Schluck Kaffee herunterzuschlucken. Sie geht zur Arbeit, macht Pause, lacht mit ihren Kolleg*innen und wird sich im Laufe des Tages ihrer Privilegien bewusst, die sie im Vergleich zu anderen Frauen hat. Am Nachmittag ist sie mit einer Freundin im Hamam in Kreuzberg verabredet. Sie freut sich darauf zu entspannen und die Schwere der Nacht abzulegen. In den Ruheräumen, die die Wände und Decken in ein sanftes, sicheres Licht hüllen, sieht sie sich im Spiegel an: Ihr Haar ist offen, nass und zerzaust. Ihr Gesicht ist von der Hitze errötet und in ihren Augen erblickt sie nicht die erhoffte Entspannung, sondern Wut!

Wieso werden Frauen in dieser Welt so schrecklich behandelt? Wieso unterdrücken Männer Frauen wie Menschen zweiter Klasse? Warum werden ihnen Rechte wie Selbstbestimmung, Bildung, Schwangerschaftsabbruch immer wieder streitig gemacht und weggenommen?

Lisa ist Laila! In diesem Moment im Spiegel. Zu Hause angekommen scrollt sie erneut die Nachrichten durch. „Jin, Jîyan, Azadî” – immer wieder begegnet sie dem Ruf:

„Frau, Leben, Freiheit!”

Ein brennendes Gefühl etwas tun zu wollen, ihre Gefühle auszudrücken und sich zu solidarisieren, erfasst ihren ganzen Körper. Früher wollte Lisa Schriftstellerin werden. Sie liebte Kinderbücher von starken Mädchen wie Pippi Langstrumpf und versank in ihren Geschichten. An ihren Kindheitstraum hatte sie lange nicht gedacht, aber nun wurde er durch die gestrige Nacht neu erweckt. Sie spürt tief in ihr den Wunsch zu schreiben:

über Laila, über Frauen, über Freiheit!
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